Fahnenflucht

Magazin gegen Nationalismus und krieg

Emma Goldman: Wehrhaftigkeit – der Weg ins totale Gemetzel

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Schon seit Beginn des europäischen Flächenbrandes ist beinahe die gesamte Menschheit in die tödliche Starre der Kriegs-Betäubung verfallen, überwältigt von den beißenden Dämpfen eines blutgetränkten Chloroforms, das ihren Blick getrübt und ihr Herzen gelähmt hat. Tatsächlich befindet sich die gesamte Menschheit in dieser schrecklichen Betäubung – mit Ausnahme einiger wilder Stämme, die nichts von der christlichen Religion wissen, oder von Nächstenliebe, aber auch nichts von Schlachtschiffen, U-Booten, Rüstungsfabriken und Kriegsanleihen. Der menschliche Verstand scheint sich bloß noch einer Sache bewusst zu sein: Mörderischer Spekulation. Unsere gesamte Zivilisation, unsere gesamte Kultur konzentriert sich auf das wahnsinnige Verlangen nach den ausgefeiltesten Waffen des Gemetzels.

Munition! Munition! Oh Gott, der du Herrscher bist über den Himmel und die Erde, Gott der Liebe, der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, gib uns genügend Munition, um unseren Feind zu vernichten. Dieses Stoßgebot wird alltäglich gen christlichen Himmel versandt. Wie Vieh, das im Angesicht des Feuers von Panik ergriffen wird und sich in die Flammen wirft, sind die Menschen in Europa übereinanderstolpernd in die verschlingenden Flammen der Kriegsfurien gestürzt und auch Amerika, von skrupellosen Politikern, schimpfenden Demagogen und militaristischen Haien in Richtung Abgrund getrieben, bereitet sich auf das gleiche Schicksal vor.

Im Angesicht dieser aufziehenden Katastrophe obliegt es allen Männern und Frauen, die vom Kriegswahnsinn noch nicht überwältigt wurden, ihre Stimme in Protest zu erheben, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Verbrechen und Gewalttätigkeiten zu lenken, die ihnen auferlegt werden sollen.

Amerika ist in seinem Wesen ein Schmelztiegel. Von keiner nationalen Einheit ausgemacht, die in der Lage dazu wäre mit ihrer überlegenen Reinheit der Rasse zu prahlen, ihrem spezifischen historischen Erbe oder ihrer höheren Kultur. Und doch verpesten die Chauvinisten und Kriegsspekulanten die Luft mit ihrer sentimentalen Parole eines aufgesetzten Nationalismus wie „Amerika den Amerikanern“, „Amerika zuerst, zuletzt und die ganze Zeit“. Dieser Schlachtruf hat die volkstümliche Einfältigkeit von einem Ende des Landes zum anderen angeregt. Um Amerika zu bewahren, muss sofort Wehrhaftigkeit hergestellt werden. Eine Milliarde Dollar, die von der Bevölkerung unter Schweiß und Blut abgepresst wurden soll für Schlachtschiffe und U-Boote für die Armee und die Marine ausgegeben werden, alles um dieses geschätzte Amerika zu verteidigen.

Die Ironie des Ganzen ist, dass das Amerika, das von einer großen militärischen Truppe verteidigt werden soll, nicht das Amerika der Menschen ist, sondern das der privilegierten Klasse; jener Klasse, die die Massen beraubt und ausbeutet und ihre Leben von der Wiege bis hinein ins Grab kontrolliert. Nicht weniger ironisch ist, dass nur so wenige Menschen begreifen, dass Wehrhaftigkeit niemals zu Frieden führt, sondern tatsächlich den Weg ins totale Gemetzel darstellt.

Mit denselben gerissenen Methoden, die von den hinterhältigen Diplomaten und militärischen Zirkeln Deutschlands genutzt werden, um die Massen für den preußischen Militarismus einzunehmen, setzen auch die amerikanischen militärischen Kreise mit ihren Roosevelts, ihren Garrisons, ihren Daniels und zuletzt auch ihren Wilsons Himmel und Hölle in Bewegung um den Menschen in Amerika den militärischen Stiefel in den Nacken zu setzen und, wenn sie erfolgreich sind, Amerika in den Sturm von Blut und Tränen zu schleudern, der derzeit die Länder Europas verwüstet.

Vor vierzig Jahren gab Deutschland die Parole aus: »Deutschland über alles. Deutschland den Deutschen, zuerst, zuletzt und für alle Zeiten. Wir wollen Frieden, deshalb müssen wir zum Kriege rüsten. Nur eine gut bewaffnete und durchweg Wehrfähige Nation kann den Frieden aufrechterhalten, kann sich Respekt verschaffen und seiner nationalen Integrität sicher sein.« Und Deutschland fuhr damit fort, aufzurüsten und zwang damit die anderen Nationen das Gleiche zu tun. Der schreckliche europäische Krieg ist nur die kulminierende Verwirklichung des vielköpfigen Evangeliums der militärischen Wehrfähigkeit.

Seit der Krieg ausgebrochen ist, wurden Kilometer an Papierbahnen und Ozeane an Tinte dazu genutzt die Barberei, die Grausamkeit, die Unterdrückung des Preußischen Militarismus zu beweisen. Sowohl Konservative, als auch Radikale unterstützen die Aliierten aus keinem anderen Grund, als dem, diesen Militarismus zu zerschlagen, in dessen Anwesenheit, wie sie sagen, es in Europa keinen Frieden oder Fortschritt geben kann. Aber auch wenn Amerika reich dabei wird, den Aliierten durch die Herstellung von Munition und Kriegsanleihen dabei zu helfen, die Preußen niederzuschlagen, wird derselbe Ruf nun auch in Amerika laut, wo er, wenn er in nationale Handlungen umgesetzt wird, einen amerikanischen Militarismus ausbilden wird, der schrecklicher sein wird, als der deutsche oder preußische Militarismus jemals sein könnten und das liegt daran, dass der Kapitalismus nirgendwo auf der Welt derart unverfroren in seiner Gier geworden ist und nirgendwo der Staat dermaßen bereit ist, zu Füßen des Kapitals niederzuknien, wie hier.

Wie eine Plage fegt der wahnsinnige Geist über das Land, befällt die klarsten Köpfe und treuesten Herzen mit dem tödlichen Virus des Militarismus. Im Ganzen Land sind Verbände für nationale Sicherheit mit Kanonen als Symbol des Schutzes entstanden, Marine-Verbände mit Frauen als Anführerinnen, Frauen die damit angeben das sanftmütigere Geschlecht zu repräsentieren, Frauen die unter Schmerzen und Gefahren Leben gebären und doch bereit sind, es dem Moloch Krieg zu weihen. Gesellschaften für Amerikanisierung mit bekannten Liberalen als Mitglieder, die gestern noch das patriotische Geseiere von heute verächtlich machten, geben sich heute dazu her die Köpfe der Menschen zu vernebeln und dabei zu helfen die gleichen zerstörerischen Institutionen in Amerika aufzubauen, die einzureißen sie direkt und indirekt in Deutschland unterstützen – Militarismus, der Zerstörer der Jugend, Vergewaltiger der Frauen, der Auslöscher der Besten der Menschheit, der Schnitter des Lebens.

Selbst Woodrow Wilson, der vor nicht allzu langer Zeit die Ansicht einer „Nation, die zu stolz ist, um zu kämpfen“ pflegte, der zu Beginn des Krieges Gebete für den Frieden befahl, der in seinen Verlautbarungen von der Notwendigkeit des beobachtenden Abwartens sprach, selbst er wurde auf Linie gebracht. Er ist nun seinen ehrenwerten Kollegen in der chauvinistischen Bewegung beigetreten und wiederholt ihr Geschrei nach Wehrhaftigkeit und ihr Geheule eines „Amerika für Amerikaner“. Der Unterschied zwischen Wilson und Roosevelt ist folgender: Roosewelt, ein geborener Schlägertyp benutzt den Schlagstock; Wilson, der Historiker, der Universitätsprofessor trägt die glänzend polierte Akademikermaske, aber darunter hat er, wie Roosevelt auch, nur ein Ziel: Den großen Interessen zu dienen, jenen, die durch die Produktion von Rüstungsgütern phänomenal reich werden, zu entsprechen.

Woodrow Wilson verriet sich selbst in seiner Rede vor den Töchtern der Amerikanischen Revolution, als er sagte: „Ich würde lieber geschlagen werden, als ausgegrenzt.“ Gegen Bethlehem, du Pont, Baldwin, Remington, Winchester metallic cartriges und den Rest der Rüstungsindustrie zu stehen bedeutet politische Ausgrenzung und Tod. Wilson weiß das; deshalb verrät er seine ursprüngliche Position, nimmt seinen Wortschwall von „zu stolz, um zu kämpfen“ zurück und heult ebenso laut wie jeder andere billige Politiker nach Wehrhaftigkeit und nationalem Ruhm, jenem dämlichen Schwur, den die Frauen der Marine-Liga jedem Schulkind auferlegen wollen: »Ich schwöre, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, die Interessen meines Landes voranzubringen, seine Institutionen hochzuhalten und die Ehre seines Namens und seiner Flagge zu bewahren. Da ich alles im Leben meinem Land verdanke, weihe ich mein Herz, meinen Verstand und Körper seinem Dienst und verspreche für seinen Fortschritt und seine Sicherheit in Zeiten des Friedens zu arbeiten und vor keinen Opfern oder Entbehrungen für seine Sache zurückzuschrecken, sollte ich aufgefordert werden zu seiner Verteidigung, für die Freiheit, den Frieden und die Zufriedenheit unseres Volkes zu handeln.«

Die Institutionen unseres Landes hochhalten – das ist es – die Institutionen, die eine Hand voll Leute dabei beschützen und unterstützen die Massen auszurauben und zu plündern, die Institutionen, die sowohl das Blut der Indigenden aussaugen, wie das der Fremden und es in Wohlstand und Macht verwandeln; die Institutionen, die den Neuankömmling dessen berauben, was immer er an Originalität mit sich bringt und ihm im Gegenzug dafür einen billigen Amerikanismus geben, dessen Ruhm in Kleingeistigkeit und Arroganz besteht.

Diejenigen, die „Amerika zuerst“ verkünden haben schon lange zuvor die grundlegenden Prinzipien eines wahren Amrikanismus verraten, jener Art von Amerikanismus, den Jefferson im Sinne hatte, als er sagte, dass die beste Regierung die ist, die am wenigsten regiert; die Art von Amerika, für die David Thoreau eintrat, als er verkündete, dass die beste Regierung diejenige ist, die überhaupt nicht regiert; Oder die anderen wahrhaft großen Amerikaner, die beabsichtigten aus diesem Land einen himmlischen Zufluchtsort zu machen, die hofften, dass all die enterbten und unterdrückten Menschen, die an diesen Küsten anlanden würden, dem Land Charakter, Qualität und Bedeutung geben würden. Das ist nicht das Amerika der Politiker und Kriegsspekulanten. Ihr Amerika wird ausdrucksstark porträtiert in der Vorstellung eines jungen New Yorker Bildhauers; eine harte, grausame Hand mit langen, schlanken, erbarmungslosen Fingern, die das Herz des Immigranten zerquetscht, das Blut aus ihm herausdrückt, um daraus Dollar zu machen und dem Fremden stattdessen zunichte gemachte Hoffnungen und unerfüllte Sehnsüchte gibt.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Woodrow Wilson Gründe dafür hat, diese Institutionen zu verteidigen. Aber welches Ideal, um es für die junge Generation auszugeben! Wie soll ein militärisch gedrilltes und trainiertes Volk Freiheit, Frieden und Zufriedenheit verteidigen? Das ist, was Generalmajor O’Ryan über eine effizient trainierte Generation zu sagen hat: »Der Soldat muss so trainiert werden, dass er zu einem bloßen Automat wird; er muss so trainiert werden, dass seine Entschlusskraft dadurch zerstört wird; er muss so trainiert werden, dass er in eine Maschine verwandelt wird. Der Soldat muss in die militärische Schlinge gezwungen werden; er muss aufgebockt werden; er muss von seinen Vorgesetzten mit der Pistole in der Hand beherrscht werden.«

Das sind nicht die Worte eines preußischen Junkers, nicht die eines Deutschen Barbaren, nicht die von Treitschke oder Bernhardi, sondern die eines amerikanischen Generalmajors. Und er hat Recht. Man kann keinen Krieg führen mit Gleichberechtigten; Militarismus mit freien Männern gibt es nicht; Man muss Sklaven haben, Automaten, Maschinen, gehorsame, disziplinierte Kreaturen, die sich bewegen, handeln, schießen und töten auf das Kommando ihrer Vorgesetzten. Das ist Wehrhaftigkeit und nichts anderes.

Man berichtete, dass unter den Sprechern vor der Navy League auch Samuel Gompers gewesen sei. Wenn das stimmt, dann bedeutet das die größte Gewalttätigkeit gegen die Arbeiter durch ihren eigenen Anführer. Wehrfähigkeit richtet sich nicht nur gegen den äußeren Feind; sie zielt noch viel mehr auf den inneren Feind ab. Das betrifft jene Elemente der Arbeiter, die gelernt haben, nichts von unseren Institutionen zu erwarten, jenen erwachten Teil der arbeitenden Menschen, die erkannt haben, dass der Klassenkrieg allen Kriegen zwischen Nationen zugrundeliegt und dass wenn überhaupt irgendein Krieg gerechtfertigt ist, es der Krieg gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Sklaverei ist, den beiden bestimmenden Aspekten im Kampf zwischen den Klassen.

Bereits jetzt spielt Militarismus seine blutige Rolle in jedem ökonomischen Konflikt und das mit Billigung und Unterstützung des Staates. Wo blieb der Protest von Washington, als »unsere Männer, Frauen und Kinder« in Ludlow getötet wurden? Wo war dieser hochklingende, wütende Protest, der in seiner Nachricht an Deutschland anklang? Oder gibt es irgendeinen Unterschied darin, »unsere Männer, Frauen und Kinder« in Ludlow zu ermorden oder auf hoher See? Ja, tatsächllich. Die Männer, Frauen und Kinder in Ludlow waren Arbeiter, die zu den Enterbten der Erde gehörten, Fremde, denen ein Geschmack vom Ruhm des Amerikanismus vermittelt werden musste, während die Passagiere der Lusitania Wohlstand und Stellung verkörperten – darin liegt der Unterschied.

Wehrfähigkeit wird also nur zur Macht der wenigen Privilegierten beitragen und ihnen dabei helfen, die Arbeiterschaft zu unterwerfen, zu versklaven und zu zerschlagen. Gompers muss das wissen und wenn er in das Geheul der militärischen Clique einstimmt, dann muss er als Verräter an der Sache der Arbeiter gelten.

Ebenso wie es mit all den anderen Institutionen in unseren verwirrenden Leben ist, die allesamt angeblich zum Nutzen der Menschen erschaffen wurden und das genaue Gegenteil bewirkt haben, so wird es auch mit der Wehrfähigkeit sein. Angeblich rüstet sich Amerika für den Frieden, aber tatsächlich geht es darum sich für den Krieg zu rüsten. Es war schon immer so – in der gesamten, von Blut durchzogenen Geschichte und es wird immer so weitergehen, bis sich die Nationen weigern gegeneinander zu kämpfen und die Menschen dieser Welt damit aufhören, sich für das Gemetzel vorzubereiten. Wehrfähigkeit ist wie der Samen einer giftigen Pflanze; in die Erde gepflanzt wird sie giftige Früchte tragen. Es ist von größter Wichtigkeit, dass die amerikanischen Arbeiter das verstehen, bevor sie von den Chauvinisten in den Wahnsinn getrieben werden, der auf ewig vom Gespenst der Gefahr und Invasion heimgesucht wird; Sie müssen wissen, dass sich für den Frieden zu rüsten bedeutet, den Krieg einzuladen, bedeutet die Furien des Todes über Land und See zu entfesseln.

Das, was die Massen an Europäern in die Schützengräben und auf die Schlachtfelder getrieben hat ist nicht ihr inneres Verlangen nach Krieg; es muss zurückgeführt werden auf den halsabschneiderischen Wettbewerb nach militärischer Ausrüstung, nach effizienteren Armeen, nach größeren Kriegsshiffen, nach mächtigeren Kannonen. Man kann keine stehende Armee aufbauen und sie dann wie Zinnsoldaten zurück in die Box packen. Armeen, die bis an die Zähne bewaffnet sind mit hochentwickelten Instrumenten des Mordes und von ihren militärischen Interessen gestützt werden, entwickeln ihre Eigendynamik. Wir müssen uns die Natur des Militarismus näher ansehen, um die Wahrheit darin zu erkennen.

Der Militarismus verschlingt die stärksten und produktivsten Elemente jeder Nation. Der Militarismus verschlingt den größten Anteil der nationalen Einkünfte. Es wird so gut wie nichts für Bildung, Kunst, Literatur und Wissenschaft ausgegeben, verglichen mit den Summen, die in Zeiten des Friedens für den Militarismus aufgewendet werden, während in Zeiten des Krieges alles andere in den Wind geschlagen wird; das gesamte Leben stagniert, alle Leistungen werden gekürzt; der Schweiß und das Blut der Massen werden buchstäblich dazu genutzt, dieses unersättliche Monster namens Militarismus zu füttern. Unter solchen Umständen muss es arroganter, aggressiver und aufgeblasener vor eigener Wichtigkeit werden. Wenn ihm aus keinem anderen Grund die überschüssige Energie ausgeht, dann muss dieser Militarismus handeln, um am Leben zu bleiben; dazu wird er sich einen Feind suchen oder künstlich einen erzeugen. In diesem zivilisierten Zweck und dieser Methode wird der Militarismus vom Staat unterstützt, von den Gesetzen des Landes geschützt, wird aufgezogen in Heimen und den Schulen und von der öffentlichen Meinung verherrlicht. In anderen Worten: Der Zweck des Militarismus ist es zu töten. Er kann nicht existieren, außer dadurch zu morden.

Aber der bestimmendste Faktor der militärischen Wehrhaftigkeit und der, der unvermeidbar zum Kriege führt, ist die Erschaffung von Gruppeninteressen, die bewusst und absichtlich für die Aufrüstung arbeiten, deren Zwecke durch die Kriegshysterie vorangebracht werden. Dieses Gruppeninteresse umfasst all diejenigen, die in der Produktion und dem Verkauf von Munition und militärischer Ausrüstung zum persönlichen Nutzen und Profit tätig sind. Beispielsweise die Familie Krupp, die die größte Fabrik für Kannonenmunition weltweit besitzt; Ihr unheilvoller Einfluss in Deutschland und tatsächlich auch vielen anderen Ländern erstreckt sich bis hin zur Presse, den Schulen, der Kirche und zu den höchsten Staatsmännern. Kurz vor dem Krieg brachte Karl Liebknecht, der eine mutige Mann in der deutschen Öffentlichkeit von heute, dem Reichstag zur Kenntnis, dass die Familie Krupp Offiziere der höchsten militärischen Ränge auf ihrer Gehaltsliste hatte, nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Frankreich und anderen Ländern. Überall waren ihre Abgesandten am Werk systematisch nationalen Hass und Feindseligkeiten zu befeuern. Die gleiche Untersuchung brachte einen internationalen Kriegsförderfonds ans Licht, der sich keinen Deut um Patriotismus schert, oder um die Liebe der Menschen, sondern der beides nutzt, um Krieg zu schüren und Millionenprofite aus dem schrecklichen Handel einzustreichen.

Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass die Geschichte des derzeitigen Krieges ihren Ursprung in diesem internationalen Mordfonds hat. Aber muss es denn bei jeder Generation aufs Neue so sein, dass sie durch Ozeane aus Blut watet und Berge menschlicher Opfer anhäuft, dafür dass die nächste Generation ein Körnchen Wahrheit daraus lernt? Ist es uns heute nicht möglich, von dem zu lernen, was zum europäischen Krieg führte? Können wir nicht begreifen, dass es Wehrfähigkeit gewesen ist, durchdringende und effiziente Wehrfähigkeit seitens Deutschlands und der anderen Länder, die Verherrlichung des Militärs und des materiellen Zugewinns? Und vor allem: Können wir nicht begreifen, dass Wehrfähigkeit in Amerika zum gleichen Ergebnis, der gleichen Barbarei, dem gleichen sinnlosen Opfer des Lebens führen muss und wird? Folgt Amerika diesem Beispiel? Wird es von den amerikanischen Krupps, den amerikanischen Militärzirkeln übernommen? Es scheint beinahe so zu sein, wenn man die Chauvinisten in der Presse heulen hört, die melodramatischen Schimpftiraden des Schlägers Roosevelt, das sentimentale Gewäsch unseres der Universität entwachsenen Präsidenten.

Für diejenigen, die noch einen Funken Libertarismus und Menschlichkeit übrig haben, sollte all das nur umso mehr Grund dazu sein, ihre Stimme gegen dieses große Verbrechen zu erheben, gegen die Gewalttätigkeiten, die in diesem Moment vorbereitet werden, um sie den Menschen in Amerika aufzuerlegen. Es genügt nicht, sich neutral zu verhalten; Eine Neutralität die Krokodilstränen aus einem Auge weint und mit dem anderen nach den Profiten der Rüstungsnachschübe und Kriegsanleihen schielt, ist keine Neutralität. Das ist eine scheinheilige Maskerade, die dazu dienen soll, die Verbrechen des Landes zu vertuschen. Und es genügt ebensowenig, sich den bürgerlichen Pazifisten anzuschließen, die den Frieden zwischen den Nationen lobpreisen, während sie dabei behilflich sind, den Krieg zwischen den Klassen voranzubringen, einen Krieg der tatsächlich allen anderen Kriegen zugrunde liegt.

Dieser Krieg zwischen den Klassen ist es, auf den wir uns konzentrieren müssen und damit auf den Krieg gegen falsche Werte, gegen üble Institutionen, gegen alle sozialen Abscheulichkeiten. Diejenigen, die die dringende Notwendigkeit hochhalten, sich in großen Kämpfen zusammenzutun müssen der militärischen Wehrhaftigkeit, wie sie vom Staat und Kapitalismus zur Zerstörung der Massen auferlegt wird, entgegentreten. Sie müssen die Wehrhaftigkeit der Massen organisieren, zum Umsturz sowohl des Kapitalismus, als auch des Staates. Was die Arbeiter brauchen, das ist industrielle und wirtschaftliche Wehrhaftigkeit. Nur das führt zur Revolution von unten, statt zur Massenvernichtung von oben. Nur das führt zu echtem Internationalismus der Arbeiterschaft gegen das Kaiserreich, Königreich, Diplomatien, Militärische Eliten und Bürokratie. Nur das wird den Menschen die Mittel verleihen, ihre Kinder aus den Slums zu holen, aus den Ausbeutungsbetrieben und Baumwollfabriken. Nur das wird es ihnen ermöglichen der kommenden Generation ein neues Ideal der Bruderschaft vorzuleben, sie inmitten Spiel, Lied und Schönheit großzuziehen; Männer und Frauen großzuziehen, keine Automaten. Nur das wird es Frauen ermöglichen, die wahren Mütter der Menschheit zu werden, die der Welt kreative Männer schenken und nicht Soldaten, die zerstören. Nur das führt zu wirtschaftlicher und sozialer Freiheit und beseitigt alle Kriege, alle Verbrechen und alle Ungerechtigkeit.

Aus Mother Earth Vol. 10 No. 10, Dezember 1915.