Fahnenflucht

Magazin gegen Nationalismus und krieg

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  • Plakat: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« – Zur Debatte um den CSD-Anschlag in Berlin

    Berlin, Deutschland, Sommer 2026. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte des SEK exekutieren in den Abendstunden einen Mann. Fast zeitgleich wird in der Presse berichtet, die Einsatzkräfte des Spezialeinsatzkommandos hätten sich bedroht gefühlt. Der Mann sei mit einer Stichwaffe bewaffnet auf die Beamten zugelaufen.

    der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
    er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“

    Er trifft dich mit bleierner Kugel, er trifft dich genau. Wer wird schon groß fragen nach diesem Toten? Hatte er sein Leben nicht verwirkt? Die Medien und alle von ihrem tagtäglichen Stumpfsinn Betäubten feiern seinen Tod während diese Heuchler um die Tote und Verletzten vom 25. Juli trauern. Sein Werk. Sagen zumindest Polizei und Innenminister. Ihn kann nun keiner mehr fragen.

    dein goldenes Haar Margarete
    Dein aschenes Haar Sulamith.

    Und wieder einmal kennt die Politik kein Halten. Friedrich „Ehe-Light“ Merz, Alexander „trans-Register“ Dobrindt, Markus „Genderverbot“ Söder als Verfechter queerer Werte ergreifen das Wort. Längst vorbereitete Pläne für Fußfesseln, Deportationen und postnationalsozialistische Schutzhaft werden aus der Schublade gezogen.

    er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
    er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
    Deutschland“

    Wen soll es noch wundern? Wer wird protestieren? Wer wagt es? Wer soll sich beschweren? Abschiebung. Abschiebung. Abschiebung. krächzt es aus den Fernsehern und Fernsehsesseln. Hinter dicken Mauern und Stacheldraht weggesperrt, gefoltert, deportiert, exekutiert, auf der Flucht … – hat man keine Stimme.

    stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Die Bomben und Panzer, die Flugzeuge und Kugeln, die Kriegsschiffe und Raketen, jemand muss sie produzieren. Die Bürokraten, sie sorgen für das nötige gesellschaftliche Klima; aber sie herstellen, sie einsetzen, das können – und wollen – sie nicht.

    Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
    er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
    dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

    Und du? Kannst du ihn sehen? Den Tod. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Er braucht keine Sense. Er braucht nicht gewählt zu werden. Er braucht keine AfD. Jeden Morgen sitzt er an seinem Schreibtisch. Und abends, nach getaner Arbeit, da kommt er erschöpft nach Haus.

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Bist du ihm heute schon begegnet? Gabst du zum Abschied ihm einen Kuss?

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Wirst du es heute wagen, ihm zu widersprechen? Wann wirst du es wagen ihm Einhalt zu gebieten?

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Er grüßt dich jeden Morgen. Bald lauert er hinter dem Spiegel, bald blitzt sein Antlitz aus den Augen des Liebsten hervor.

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

    Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

    Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ – ein deutsches Staatsoberhaupt

    [Gedichtauszüge aus Paul Celans »Todesfuge«, Bebilderung: Albrecht Dürers Studie »Ein dutzend durchschnittliche Bürokratenfressen« Teil 1 bis 5]

  • Emma Goldman: Wehrhaftigkeit – der Weg ins totale Gemetzel

    Schon seit Beginn des europäischen Flächenbrandes ist beinahe die gesamte Menschheit in die tödliche Starre der Kriegs-Betäubung verfallen, überwältigt von den beißenden Dämpfen eines blutgetränkten Chloroforms, das ihren Blick getrübt und ihr Herzen gelähmt hat. Tatsächlich befindet sich die gesamte Menschheit in dieser schrecklichen Betäubung – mit Ausnahme einiger wilder Stämme, die nichts von der christlichen Religion wissen, oder von Nächstenliebe, aber auch nichts von Schlachtschiffen, U-Booten, Rüstungsfabriken und Kriegsanleihen. Der menschliche Verstand scheint sich bloß noch einer Sache bewusst zu sein: Mörderischer Spekulation. Unsere gesamte Zivilisation, unsere gesamte Kultur konzentriert sich auf das wahnsinnige Verlangen nach den ausgefeiltesten Waffen des Gemetzels.

    Munition! Munition! Oh Gott, der du Herrscher bist über den Himmel und die Erde, Gott der Liebe, der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, gib uns genügend Munition, um unseren Feind zu vernichten. Dieses Stoßgebot wird alltäglich gen christlichen Himmel versandt. Wie Vieh, das im Angesicht des Feuers von Panik ergriffen wird und sich in die Flammen wirft, sind die Menschen in Europa übereinanderstolpernd in die verschlingenden Flammen der Kriegsfurien gestürzt und auch Amerika, von skrupellosen Politikern, schimpfenden Demagogen und militaristischen Haien in Richtung Abgrund getrieben, bereitet sich auf das gleiche Schicksal vor.

    Im Angesicht dieser aufziehenden Katastrophe obliegt es allen Männern und Frauen, die vom Kriegswahnsinn noch nicht überwältigt wurden, ihre Stimme in Protest zu erheben, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Verbrechen und Gewalttätigkeiten zu lenken, die ihnen auferlegt werden sollen.

    Amerika ist in seinem Wesen ein Schmelztiegel. Von keiner nationalen Einheit ausgemacht, die in der Lage dazu wäre mit ihrer überlegenen Reinheit der Rasse zu prahlen, ihrem spezifischen historischen Erbe oder ihrer höheren Kultur. Und doch verpesten die Chauvinisten und Kriegsspekulanten die Luft mit ihrer sentimentalen Parole eines aufgesetzten Nationalismus wie „Amerika den Amerikanern“, „Amerika zuerst, zuletzt und die ganze Zeit“. Dieser Schlachtruf hat die volkstümliche Einfältigkeit von einem Ende des Landes zum anderen angeregt. Um Amerika zu bewahren, muss sofort Wehrhaftigkeit hergestellt werden. Eine Milliarde Dollar, die von der Bevölkerung unter Schweiß und Blut abgepresst wurden soll für Schlachtschiffe und U-Boote für die Armee und die Marine ausgegeben werden, alles um dieses geschätzte Amerika zu verteidigen.

    Die Ironie des Ganzen ist, dass das Amerika, das von einer großen militärischen Truppe verteidigt werden soll, nicht das Amerika der Menschen ist, sondern das der privilegierten Klasse; jener Klasse, die die Massen beraubt und ausbeutet und ihre Leben von der Wiege bis hinein ins Grab kontrolliert. Nicht weniger ironisch ist, dass nur so wenige Menschen begreifen, dass Wehrhaftigkeit niemals zu Frieden führt, sondern tatsächlich den Weg ins totale Gemetzel darstellt.

    Mit denselben gerissenen Methoden, die von den hinterhältigen Diplomaten und militärischen Zirkeln Deutschlands genutzt werden, um die Massen für den preußischen Militarismus einzunehmen, setzen auch die amerikanischen militärischen Kreise mit ihren Roosevelts, ihren Garrisons, ihren Daniels und zuletzt auch ihren Wilsons Himmel und Hölle in Bewegung um den Menschen in Amerika den militärischen Stiefel in den Nacken zu setzen und, wenn sie erfolgreich sind, Amerika in den Sturm von Blut und Tränen zu schleudern, der derzeit die Länder Europas verwüstet.

    Vor vierzig Jahren gab Deutschland die Parole aus: »Deutschland über alles. Deutschland den Deutschen, zuerst, zuletzt und für alle Zeiten. Wir wollen Frieden, deshalb müssen wir zum Kriege rüsten. Nur eine gut bewaffnete und durchweg Wehrfähige Nation kann den Frieden aufrechterhalten, kann sich Respekt verschaffen und seiner nationalen Integrität sicher sein.« Und Deutschland fuhr damit fort, aufzurüsten und zwang damit die anderen Nationen das Gleiche zu tun. Der schreckliche europäische Krieg ist nur die kulminierende Verwirklichung des vielköpfigen Evangeliums der militärischen Wehrfähigkeit.

    Seit der Krieg ausgebrochen ist, wurden Kilometer an Papierbahnen und Ozeane an Tinte dazu genutzt die Barberei, die Grausamkeit, die Unterdrückung des Preußischen Militarismus zu beweisen. Sowohl Konservative, als auch Radikale unterstützen die Aliierten aus keinem anderen Grund, als dem, diesen Militarismus zu zerschlagen, in dessen Anwesenheit, wie sie sagen, es in Europa keinen Frieden oder Fortschritt geben kann. Aber auch wenn Amerika reich dabei wird, den Aliierten durch die Herstellung von Munition und Kriegsanleihen dabei zu helfen, die Preußen niederzuschlagen, wird derselbe Ruf nun auch in Amerika laut, wo er, wenn er in nationale Handlungen umgesetzt wird, einen amerikanischen Militarismus ausbilden wird, der schrecklicher sein wird, als der deutsche oder preußische Militarismus jemals sein könnten und das liegt daran, dass der Kapitalismus nirgendwo auf der Welt derart unverfroren in seiner Gier geworden ist und nirgendwo der Staat dermaßen bereit ist, zu Füßen des Kapitals niederzuknien, wie hier.

    Wie eine Plage fegt der wahnsinnige Geist über das Land, befällt die klarsten Köpfe und treuesten Herzen mit dem tödlichen Virus des Militarismus. Im Ganzen Land sind Verbände für nationale Sicherheit mit Kanonen als Symbol des Schutzes entstanden, Marine-Verbände mit Frauen als Anführerinnen, Frauen die damit angeben das sanftmütigere Geschlecht zu repräsentieren, Frauen die unter Schmerzen und Gefahren Leben gebären und doch bereit sind, es dem Moloch Krieg zu weihen. Gesellschaften für Amerikanisierung mit bekannten Liberalen als Mitglieder, die gestern noch das patriotische Geseiere von heute verächtlich machten, geben sich heute dazu her die Köpfe der Menschen zu vernebeln und dabei zu helfen die gleichen zerstörerischen Institutionen in Amerika aufzubauen, die einzureißen sie direkt und indirekt in Deutschland unterstützen – Militarismus, der Zerstörer der Jugend, Vergewaltiger der Frauen, der Auslöscher der Besten der Menschheit, der Schnitter des Lebens.

    Selbst Woodrow Wilson, der vor nicht allzu langer Zeit die Ansicht einer „Nation, die zu stolz ist, um zu kämpfen“ pflegte, der zu Beginn des Krieges Gebete für den Frieden befahl, der in seinen Verlautbarungen von der Notwendigkeit des beobachtenden Abwartens sprach, selbst er wurde auf Linie gebracht. Er ist nun seinen ehrenwerten Kollegen in der chauvinistischen Bewegung beigetreten und wiederholt ihr Geschrei nach Wehrhaftigkeit und ihr Geheule eines „Amerika für Amerikaner“. Der Unterschied zwischen Wilson und Roosevelt ist folgender: Roosewelt, ein geborener Schlägertyp benutzt den Schlagstock; Wilson, der Historiker, der Universitätsprofessor trägt die glänzend polierte Akademikermaske, aber darunter hat er, wie Roosevelt auch, nur ein Ziel: Den großen Interessen zu dienen, jenen, die durch die Produktion von Rüstungsgütern phänomenal reich werden, zu entsprechen.

    Woodrow Wilson verriet sich selbst in seiner Rede vor den Töchtern der Amerikanischen Revolution, als er sagte: „Ich würde lieber geschlagen werden, als ausgegrenzt.“ Gegen Bethlehem, du Pont, Baldwin, Remington, Winchester metallic cartriges und den Rest der Rüstungsindustrie zu stehen bedeutet politische Ausgrenzung und Tod. Wilson weiß das; deshalb verrät er seine ursprüngliche Position, nimmt seinen Wortschwall von „zu stolz, um zu kämpfen“ zurück und heult ebenso laut wie jeder andere billige Politiker nach Wehrhaftigkeit und nationalem Ruhm, jenem dämlichen Schwur, den die Frauen der Marine-Liga jedem Schulkind auferlegen wollen: »Ich schwöre, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, die Interessen meines Landes voranzubringen, seine Institutionen hochzuhalten und die Ehre seines Namens und seiner Flagge zu bewahren. Da ich alles im Leben meinem Land verdanke, weihe ich mein Herz, meinen Verstand und Körper seinem Dienst und verspreche für seinen Fortschritt und seine Sicherheit in Zeiten des Friedens zu arbeiten und vor keinen Opfern oder Entbehrungen für seine Sache zurückzuschrecken, sollte ich aufgefordert werden zu seiner Verteidigung, für die Freiheit, den Frieden und die Zufriedenheit unseres Volkes zu handeln.«

    Die Institutionen unseres Landes hochhalten – das ist es – die Institutionen, die eine Hand voll Leute dabei beschützen und unterstützen die Massen auszurauben und zu plündern, die Institutionen, die sowohl das Blut der Indigenden aussaugen, wie das der Fremden und es in Wohlstand und Macht verwandeln; die Institutionen, die den Neuankömmling dessen berauben, was immer er an Originalität mit sich bringt und ihm im Gegenzug dafür einen billigen Amerikanismus geben, dessen Ruhm in Kleingeistigkeit und Arroganz besteht.

    Diejenigen, die „Amerika zuerst“ verkünden haben schon lange zuvor die grundlegenden Prinzipien eines wahren Amrikanismus verraten, jener Art von Amerikanismus, den Jefferson im Sinne hatte, als er sagte, dass die beste Regierung die ist, die am wenigsten regiert; die Art von Amerika, für die David Thoreau eintrat, als er verkündete, dass die beste Regierung diejenige ist, die überhaupt nicht regiert; Oder die anderen wahrhaft großen Amerikaner, die beabsichtigten aus diesem Land einen himmlischen Zufluchtsort zu machen, die hofften, dass all die enterbten und unterdrückten Menschen, die an diesen Küsten anlanden würden, dem Land Charakter, Qualität und Bedeutung geben würden. Das ist nicht das Amerika der Politiker und Kriegsspekulanten. Ihr Amerika wird ausdrucksstark porträtiert in der Vorstellung eines jungen New Yorker Bildhauers; eine harte, grausame Hand mit langen, schlanken, erbarmungslosen Fingern, die das Herz des Immigranten zerquetscht, das Blut aus ihm herausdrückt, um daraus Dollar zu machen und dem Fremden stattdessen zunichte gemachte Hoffnungen und unerfüllte Sehnsüchte gibt.

    Es besteht kein Zweifel daran, dass Woodrow Wilson Gründe dafür hat, diese Institutionen zu verteidigen. Aber welches Ideal, um es für die junge Generation auszugeben! Wie soll ein militärisch gedrilltes und trainiertes Volk Freiheit, Frieden und Zufriedenheit verteidigen? Das ist, was Generalmajor O’Ryan über eine effizient trainierte Generation zu sagen hat: »Der Soldat muss so trainiert werden, dass er zu einem bloßen Automat wird; er muss so trainiert werden, dass seine Entschlusskraft dadurch zerstört wird; er muss so trainiert werden, dass er in eine Maschine verwandelt wird. Der Soldat muss in die militärische Schlinge gezwungen werden; er muss aufgebockt werden; er muss von seinen Vorgesetzten mit der Pistole in der Hand beherrscht werden.«

    Das sind nicht die Worte eines preußischen Junkers, nicht die eines Deutschen Barbaren, nicht die von Treitschke oder Bernhardi, sondern die eines amerikanischen Generalmajors. Und er hat Recht. Man kann keinen Krieg führen mit Gleichberechtigten; Militarismus mit freien Männern gibt es nicht; Man muss Sklaven haben, Automaten, Maschinen, gehorsame, disziplinierte Kreaturen, die sich bewegen, handeln, schießen und töten auf das Kommando ihrer Vorgesetzten. Das ist Wehrhaftigkeit und nichts anderes.

    Man berichtete, dass unter den Sprechern vor der Navy League auch Samuel Gompers gewesen sei. Wenn das stimmt, dann bedeutet das die größte Gewalttätigkeit gegen die Arbeiter durch ihren eigenen Anführer. Wehrfähigkeit richtet sich nicht nur gegen den äußeren Feind; sie zielt noch viel mehr auf den inneren Feind ab. Das betrifft jene Elemente der Arbeiter, die gelernt haben, nichts von unseren Institutionen zu erwarten, jenen erwachten Teil der arbeitenden Menschen, die erkannt haben, dass der Klassenkrieg allen Kriegen zwischen Nationen zugrundeliegt und dass wenn überhaupt irgendein Krieg gerechtfertigt ist, es der Krieg gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Sklaverei ist, den beiden bestimmenden Aspekten im Kampf zwischen den Klassen.

    Bereits jetzt spielt Militarismus seine blutige Rolle in jedem ökonomischen Konflikt und das mit Billigung und Unterstützung des Staates. Wo blieb der Protest von Washington, als »unsere Männer, Frauen und Kinder« in Ludlow getötet wurden? Wo war dieser hochklingende, wütende Protest, der in seiner Nachricht an Deutschland anklang? Oder gibt es irgendeinen Unterschied darin, »unsere Männer, Frauen und Kinder« in Ludlow zu ermorden oder auf hoher See? Ja, tatsächllich. Die Männer, Frauen und Kinder in Ludlow waren Arbeiter, die zu den Enterbten der Erde gehörten, Fremde, denen ein Geschmack vom Ruhm des Amerikanismus vermittelt werden musste, während die Passagiere der Lusitania Wohlstand und Stellung verkörperten – darin liegt der Unterschied.

    Wehrfähigkeit wird also nur zur Macht der wenigen Privilegierten beitragen und ihnen dabei helfen, die Arbeiterschaft zu unterwerfen, zu versklaven und zu zerschlagen. Gompers muss das wissen und wenn er in das Geheul der militärischen Clique einstimmt, dann muss er als Verräter an der Sache der Arbeiter gelten.

    Ebenso wie es mit all den anderen Institutionen in unseren verwirrenden Leben ist, die allesamt angeblich zum Nutzen der Menschen erschaffen wurden und das genaue Gegenteil bewirkt haben, so wird es auch mit der Wehrfähigkeit sein. Angeblich rüstet sich Amerika für den Frieden, aber tatsächlich geht es darum sich für den Krieg zu rüsten. Es war schon immer so – in der gesamten, von Blut durchzogenen Geschichte und es wird immer so weitergehen, bis sich die Nationen weigern gegeneinander zu kämpfen und die Menschen dieser Welt damit aufhören, sich für das Gemetzel vorzubereiten. Wehrfähigkeit ist wie der Samen einer giftigen Pflanze; in die Erde gepflanzt wird sie giftige Früchte tragen. Es ist von größter Wichtigkeit, dass die amerikanischen Arbeiter das verstehen, bevor sie von den Chauvinisten in den Wahnsinn getrieben werden, der auf ewig vom Gespenst der Gefahr und Invasion heimgesucht wird; Sie müssen wissen, dass sich für den Frieden zu rüsten bedeutet, den Krieg einzuladen, bedeutet die Furien des Todes über Land und See zu entfesseln.

    Das, was die Massen an Europäern in die Schützengräben und auf die Schlachtfelder getrieben hat ist nicht ihr inneres Verlangen nach Krieg; es muss zurückgeführt werden auf den halsabschneiderischen Wettbewerb nach militärischer Ausrüstung, nach effizienteren Armeen, nach größeren Kriegsshiffen, nach mächtigeren Kannonen. Man kann keine stehende Armee aufbauen und sie dann wie Zinnsoldaten zurück in die Box packen. Armeen, die bis an die Zähne bewaffnet sind mit hochentwickelten Instrumenten des Mordes und von ihren militärischen Interessen gestützt werden, entwickeln ihre Eigendynamik. Wir müssen uns die Natur des Militarismus näher ansehen, um die Wahrheit darin zu erkennen.

    Der Militarismus verschlingt die stärksten und produktivsten Elemente jeder Nation. Der Militarismus verschlingt den größten Anteil der nationalen Einkünfte. Es wird so gut wie nichts für Bildung, Kunst, Literatur und Wissenschaft ausgegeben, verglichen mit den Summen, die in Zeiten des Friedens für den Militarismus aufgewendet werden, während in Zeiten des Krieges alles andere in den Wind geschlagen wird; das gesamte Leben stagniert, alle Leistungen werden gekürzt; der Schweiß und das Blut der Massen werden buchstäblich dazu genutzt, dieses unersättliche Monster namens Militarismus zu füttern. Unter solchen Umständen muss es arroganter, aggressiver und aufgeblasener vor eigener Wichtigkeit werden. Wenn ihm aus keinem anderen Grund die überschüssige Energie ausgeht, dann muss dieser Militarismus handeln, um am Leben zu bleiben; dazu wird er sich einen Feind suchen oder künstlich einen erzeugen. In diesem zivilisierten Zweck und dieser Methode wird der Militarismus vom Staat unterstützt, von den Gesetzen des Landes geschützt, wird aufgezogen in Heimen und den Schulen und von der öffentlichen Meinung verherrlicht. In anderen Worten: Der Zweck des Militarismus ist es zu töten. Er kann nicht existieren, außer dadurch zu morden.

    Aber der bestimmendste Faktor der militärischen Wehrhaftigkeit und der, der unvermeidbar zum Kriege führt, ist die Erschaffung von Gruppeninteressen, die bewusst und absichtlich für die Aufrüstung arbeiten, deren Zwecke durch die Kriegshysterie vorangebracht werden. Dieses Gruppeninteresse umfasst all diejenigen, die in der Produktion und dem Verkauf von Munition und militärischer Ausrüstung zum persönlichen Nutzen und Profit tätig sind. Beispielsweise die Familie Krupp, die die größte Fabrik für Kannonenmunition weltweit besitzt; Ihr unheilvoller Einfluss in Deutschland und tatsächlich auch vielen anderen Ländern erstreckt sich bis hin zur Presse, den Schulen, der Kirche und zu den höchsten Staatsmännern. Kurz vor dem Krieg brachte Karl Liebknecht, der eine mutige Mann in der deutschen Öffentlichkeit von heute, dem Reichstag zur Kenntnis, dass die Familie Krupp Offiziere der höchsten militärischen Ränge auf ihrer Gehaltsliste hatte, nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Frankreich und anderen Ländern. Überall waren ihre Abgesandten am Werk systematisch nationalen Hass und Feindseligkeiten zu befeuern. Die gleiche Untersuchung brachte einen internationalen Kriegsförderfonds ans Licht, der sich keinen Deut um Patriotismus schert, oder um die Liebe der Menschen, sondern der beides nutzt, um Krieg zu schüren und Millionenprofite aus dem schrecklichen Handel einzustreichen.

    Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass die Geschichte des derzeitigen Krieges ihren Ursprung in diesem internationalen Mordfonds hat. Aber muss es denn bei jeder Generation aufs Neue so sein, dass sie durch Ozeane aus Blut watet und Berge menschlicher Opfer anhäuft, dafür dass die nächste Generation ein Körnchen Wahrheit daraus lernt? Ist es uns heute nicht möglich, von dem zu lernen, was zum europäischen Krieg führte? Können wir nicht begreifen, dass es Wehrfähigkeit gewesen ist, durchdringende und effiziente Wehrfähigkeit seitens Deutschlands und der anderen Länder, die Verherrlichung des Militärs und des materiellen Zugewinns? Und vor allem: Können wir nicht begreifen, dass Wehrfähigkeit in Amerika zum gleichen Ergebnis, der gleichen Barbarei, dem gleichen sinnlosen Opfer des Lebens führen muss und wird? Folgt Amerika diesem Beispiel? Wird es von den amerikanischen Krupps, den amerikanischen Militärzirkeln übernommen? Es scheint beinahe so zu sein, wenn man die Chauvinisten in der Presse heulen hört, die melodramatischen Schimpftiraden des Schlägers Roosevelt, das sentimentale Gewäsch unseres der Universität entwachsenen Präsidenten.

    Für diejenigen, die noch einen Funken Libertarismus und Menschlichkeit übrig haben, sollte all das nur umso mehr Grund dazu sein, ihre Stimme gegen dieses große Verbrechen zu erheben, gegen die Gewalttätigkeiten, die in diesem Moment vorbereitet werden, um sie den Menschen in Amerika aufzuerlegen. Es genügt nicht, sich neutral zu verhalten; Eine Neutralität die Krokodilstränen aus einem Auge weint und mit dem anderen nach den Profiten der Rüstungsnachschübe und Kriegsanleihen schielt, ist keine Neutralität. Das ist eine scheinheilige Maskerade, die dazu dienen soll, die Verbrechen des Landes zu vertuschen. Und es genügt ebensowenig, sich den bürgerlichen Pazifisten anzuschließen, die den Frieden zwischen den Nationen lobpreisen, während sie dabei behilflich sind, den Krieg zwischen den Klassen voranzubringen, einen Krieg der tatsächlich allen anderen Kriegen zugrunde liegt.

    Dieser Krieg zwischen den Klassen ist es, auf den wir uns konzentrieren müssen und damit auf den Krieg gegen falsche Werte, gegen üble Institutionen, gegen alle sozialen Abscheulichkeiten. Diejenigen, die die dringende Notwendigkeit hochhalten, sich in großen Kämpfen zusammenzutun müssen der militärischen Wehrhaftigkeit, wie sie vom Staat und Kapitalismus zur Zerstörung der Massen auferlegt wird, entgegentreten. Sie müssen die Wehrhaftigkeit der Massen organisieren, zum Umsturz sowohl des Kapitalismus, als auch des Staates. Was die Arbeiter brauchen, das ist industrielle und wirtschaftliche Wehrhaftigkeit. Nur das führt zur Revolution von unten, statt zur Massenvernichtung von oben. Nur das führt zu echtem Internationalismus der Arbeiterschaft gegen das Kaiserreich, Königreich, Diplomatien, Militärische Eliten und Bürokratie. Nur das wird den Menschen die Mittel verleihen, ihre Kinder aus den Slums zu holen, aus den Ausbeutungsbetrieben und Baumwollfabriken. Nur das wird es ihnen ermöglichen der kommenden Generation ein neues Ideal der Bruderschaft vorzuleben, sie inmitten Spiel, Lied und Schönheit großzuziehen; Männer und Frauen großzuziehen, keine Automaten. Nur das wird es Frauen ermöglichen, die wahren Mütter der Menschheit zu werden, die der Welt kreative Männer schenken und nicht Soldaten, die zerstören. Nur das führt zu wirtschaftlicher und sozialer Freiheit und beseitigt alle Kriege, alle Verbrechen und alle Ungerechtigkeit.

    Aus Mother Earth Vol. 10 No. 10, Dezember 1915.

  • Fragebogen-Wehrpflicht

    Sie ist wieder zurück, die Wehrpflicht in Deutschland. Wieder einmal haben die rot-grünen Kriegstreiber unter Beweis gestellt, dass sie die geeigneten Steigbügelhalter für Kriege und Genozide sind, dass sie im Zweifel immer bereitstehen, um einen militaristischen Mobilisierungsschub einzuleiten und nicht bloß Menschen in entfernten Landen, weit außerhalb des Blickfeldes ihrer „Wählerschaft“ zu metzeln, in Kriege zu stürzen und mit militärischer Gewalt aus ihrer Heimat zu vertreiben, zu vergewaltigen, zu morden und auszuhungern, sondern auch den Krieg im „eigenen“ Lande, sprich dem besetzten Territorium über das sie herrschen, vorzubereiten. Und dazu gehört nicht bloß das großspurige Säbelrasseln der Außenpolitik, die Investitionen in Rüstungsproduktion, dafür erforderlichen Raubbau, Infrastrukturprojekte und Neuanschaffungen von allerhand Kriegsgerät, sondern auch der propagandistische Prozess der Erzwingung von Konformität in der Bevölkerung, die Förderung der Kriegsbereitschaft durch (nationalistische) Hetze, durch das herbeiphantasieren und nötigenfalls auch die repressive/geheimdienstliche Erzeugung von „Bedrohungen“ wie Terroranschlägen und -gefahren, „hybride Kriegsbedrohungen“, Inflation usw. Und schließlich ist es unverzichtbar die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Eignung für die Vernutzung im Kriege zu erfassen und segmentieren.

    Dass dabei die Wehrpflicht, die vor gut einem Jahrdutzend ausgesetzt wurde, zunächst einmal nicht vollumfänglich zurückkehrt, sondern als verpflichtend auszufüllender Fragebogen, ebenso wie die schwachsinnigen, an jeder Realität vorbeigehenden medial inszenierten Debatten darum, mögen darüber hinwegtäuschen, dass so ein Fragebogen schlicht eine Modernisierung und Effizienzsteigerung des Musterungsverfahrens darstellt und zudem ein geeignetes Instrument ist, um die „Musterung“ von rund einem Dutzend Jahrgängen effizient nachzuholen. Zuglich bietet die Niederschwelligkeit eines solchen Fragebogens, die Möglichkeit ihn abends auf dem Sofa auszufüllen, eine Gelegenheit, auch jene, die bislang nicht von einer Wehrpflicht betroffen waren, Frauen, auf (vorerst) freiwilliger Basis ebenfalls zu „mustern“ und damit eine weitere Planungs- und Vernutzungssteigerung zu erzielen. Um das wirklich zu verstehen ist es notwendig, einen kurzen Blick darauf zu werfen, wie ein Militär funktioniert, wie es klassischerweise funktioniert hat, und wie es in der heutigen Gesellschaft funktionieren soll.

    Als erstes müssen wir dazu mit einem Mythos aufräumen: Das Militär ist nicht bloß das, was an der Front kämpft. Tatsächlich ist die Front sogar der allerkleinste Teil des Militärs und oft sogar nicht einmal der mörderischste. Aber alles zu seiner Zeit. Worum genau geht es bei einem militärischen Konflikt? Klar, die wirtschaftlichen und politischen Eliten streiten sich darum, wer wen ausbeuten darf, bzw. wer wie viel Profit von der gemeinsam organisierten Ausbeutung von Menschen und Erde einstreichen darf. Das ist immer das Gleiche, egal ob es uns als Geopolitik, Besetzung von Territorien oder Konflikte um Handelsrouten präsentiert wird. Aber um das geht es ja auch in Zeiten des sogenannten Friedens, in denen ökonomische Ränkespiele, Verträge, Investitionen, usw. das gleiche regeln. Die Besonderheit des militärischen Konflikts liegt darin, dass zwei oder mehr Parteien um die physische Kontrolle eines bestimmten Territoriums ringen – und zwar mit Waffengewalt. Das beinhaltet einerseits den gewaltsamen Sieg über die Truppen des Feindes/der Feinde, andererseits aber auch die Bevölkerung dieses Territoriums entweder der neuen Herrschaftsordnung gegenüber gefügig zu machen, oder aber sie auszulöschen, bzw. zu vertreiben. Meist ist das eine Mischung: Plündernde, mordende und vergewaltigende Truppen brechen den Widerstand der Bevölkerung, verschleppen diejenigen, die Anstalten machen, sich zu wehren, oder auch nur Einspruch zu erheben, in Gefangenenlager, wo sie sie entwürdigen, versklaven und vergewaltigen, manchmal auch ermorden, schlagen sie in die Flucht und regieren dann über den verbleibenden Rest der Bevölkerung durch Abkommen mit lokalen Eliten. Wir sehen das auf der ganzen Welt, alltäglich, egal ob in Afghanistan, Syrien, Irak, Gaza, der Krim und Ukraine, Korea, Vietnam, Kongo, usw. usw. Im Grunde gibt es kein Territorium auf der Welt, in dem die herrschende Regierung nicht einst auf solche Weise entstanden wäre.

    Es ist also für das Militär von entscheidender Wichtigkeit, das Territorium hinter der Frontlinie fest unter Kontrolle zu haben, was auch beinhaltet, die dort lebenden Menschen auf beschriebene Weise gefügig gemacht zu haben. Das erklärt beispielsweise warum etwa in der Ukraine die russische Übermacht so „langsam“ vorrückt, obwohl kein vernünftiger Mensch anzweifeln würde, dass das Land innerhalb von wenigen Tagen überrannt werden könnte. Ohne den Menschen jedoch vorher alles zu nehmen, ihnen zu demonstrieren, dass Widerstand zwecklos ist und mit brutaler Gewalt beantwortet wird und so bloß eine Verlängerung des Elends bedeutet, würden im Anschluss schnell die Versorgungslinien an die Front einbrechen und man würde eine ebenso schnelle Niederlage erleiden. Anders ausgedrückt: So etwas wie einen „Blitzkrieg“ gibt es nicht, er ist entweder Hybris der Machthaber oder aber „Opium fürs Volk“, das niemals bereit ist, jahre- und jahrzehntelanges Elend auf sich zu nehmen, von der Aussicht einer schnellen Rückkehr nach Hause jedoch regelmäßig geblendet wird. Eine Alternative im militärischen Vorgehen, man könnte sie die offen genozidale nennen, sehen wir in Gaza. Dort treiben die einrückenden Truppen die Menschen aus ihren Häusern und vor sich her. Menschen werden bereits im Vorfeld angehalten, ihre Häuser zu verlassen, teils sogar ihre Heimat insgesamt, und sich in Lager zu begeben. Wer zurückbleibt wird zum legitimen Ziel militärischer Auslöschung erklärt. Die durchs Land gejagten, enteigneten und in jeder Hinsicht mittellosen Flüchtlinge stellen dann nur noch eine geringfügige (militärische) Gefahr dar. Sie sind erschöpft, ausgehungert und unterliegen ihrer Abhängigkeit von der Versorgung in den Konzentrationslagern1, in denen sie zusammengepfercht werden.

    So oder so. Für das Militär ist es von essentieller Wichtigkeit, dass von der Front bis hin zu den Waffen- und Munitionsfabriken und Öllagern, bzw. sogar -quellen oder verallgemeinerter Energiequellen, den Nahrungsproduzenten und auch sämtliche Infrastruktur im Rücken der Frontlinie nicht bloß unter seiner Kontrolle steht, sondern auch funktioniert. Und dafür braucht es noch sehr viel mehr Menschenmaterial als in den Stellungen der Frontlinie. Wir kennen das noch aus den Erzählungen der Großeltern und Urgroßeltern. Wer nicht an die Front geschickt wurde, der arbeitete an der von der NS-Propaganda sogenannten Heimatfront in Munitionsfabriken, Verpflegungs-Konservenfabriken, anderer kriegsrelevanter Industrie, usw., oft gezwungenermaßen und schlecht oder gar nicht entlohnt. Bei Bauern wurden mit Gewalt Getreidevorräte, Vieh, etc. beschlagnahmt, Männer wurden zum Straßenbau eingezogen, wenn sie für die Front nicht geeignet waren, zum Bau von Bunkeranlagen, Flughäfen und Fabriken, Wissenschaftler wurden angehalten für das Militär Waffensysteme, etc. zu entwickeln, sonst ging es auch für sie an die Front, Frauen stellten telegraphische Kommunikationsverbindungen her, arbeiteten in (Rüstungs-) Fabriken anstelle der Männer, wurden zum Gebären angehalten oder gar zwangsprostituiert, um in Bordells der SS und Wehrmacht die Gelüste der Generäle, aber auch einfacher Soldaten zu befriedigen.

    Für alle, die sich weigerten, oder die einer Gruppe zugerechnet wurden, von deren grundsätzlicher Weigerung, bzw. „Volksfeindlichkeit“ man ausging, standen die KZs bereit, um sie mit brutaler Gewalt zu vernutzen. Die Arbeit der Frauen wurde dabei weitestgehend und bestmöglich unsichtbar gemacht, weil sie das zentrale Mobilisierungsnarrativ für Frontsoldaten, dass diese nämlich für die Sicherheit „ihrer“ Frauen morden und vergewaltigen würden, störte. Wie in Deutschland war das auch bei allen anderen Kriegsparteien. Die Atombomben beispielsweise wären ohne die Plutonium-Gewinnung in Fabriken mit tausenden Frauen, die das Material dort in Handarbeit produzieren mussten, ohne Schutz und ohne zu wissen, wie giftig das war, nicht möglich gewesen. Gleiches gilt natürlich für so gut wie alle Waffen, die in Munitionsfabriken vor allem von Frauen zusammengesetzt wurden. Damals wie heute versucht(e) das Militär natürlich auch, die Menschen gemäß ihrer zivil erworbenen Fähigkeiten zu vernutzen. Ingenieure und Wissenschaftler sind an der Front wertlos, in den Munitionsfabriken und der (Waffen-) Forschung jedoch können sie dem Militär große Dienste erweisen. Ärzte und MedizinerInnen können in Lazaretten Soldaten wieder fit für die Front machen. Hobby-Bastler können, wie in der Ukraine zu sehen ist, zivile Drohnen und ferngesteuerte Spielzeuge zu Kamikaze-Waffen umbauen. Organisationstalente und Logistiker können zur Planung und Steuerung von Truppen und Materialverlegungen eingesetzt werden, Zugführer und LKW-Fahrer Transporte an die Front, etc. fahren, während LehrerInnen die Jugend scharf machen und deren Begeisterung für den Krieg wecken sollen, PolitikerInnen die übrige Bevölkerung aufhetzen und PolizistInnen und RichterInnen für die Verfolgung von Kriegsgegnern und anderen störenden Elementen im bereits besetzten Gebiet, den Schutz „kritischer Infrastruktur“, usw. sorgen. Je bessere Voraussetzungen jemand für eine Aufgabe mitbringt, desto nützlicher ist er oder sie für den militärischen Apparat. Und je kritischer jemand dem Militär gegenübersteht, desto besser eignet er sich dazu – sofern man nicht gleich zum Schluss kommt sie oder ihn hinzurichten oder wegzusperren – an vorderster Front das zu tun, wofür das Militär allgemein bekannt ist, zu sterben und möglichst zuvor noch mehr als einen feindlichen Soldaten abzuknallen.

    Wir sehen das beispielsweise in der Ukraine. Männer, die versuchen das Land zu verlassen, um einer Einziehung ins Militär zu entgehen, oder Männer, die aus dem Ausland zurückkehren, etwa weil sie dort ausgewiesen wurden, etc., werden an den Grenzen verhaftet und direkt an die Front, in die blutigsten Kämpfe geschickt. Sie erhalten eine minimale Ausbildung an der Waffe und dann schickt man sie auf Himmelfahrtskommandos. Denn wer schon einmal versucht hat, zu fliehen, so die offensichtliche Kalkulation der skrupellosen Militärs, der soll „seinem“ Land wenigstens im Tode dienen, dann hat er nicht erneute Gelegenheit dazu.

    Mit diesem komplexeren Verständnis des Militärs, als bloß jenem von der Front, wird auch der Zweck des Fragebogens besser ersichtlich. Man will wie bei der Musterung auch, nur ohne körperliche Untersuchung – elektronische Krankenakten, samt Vorsorge-Untersuchungen, Fitness-Hypes und dadurch gesammelte Daten, usw. machen diese Informationen ja (in naher Zukunft) ohnehin zugänglich und es braucht ja im Zweifel bloß ein Dekret, um auf diese Daten massenhaft zuzugreifen – feststellen, wer für welche militärische Aufgabe geeignet wäre, sowie darüber hinaus auch die Bereitschaft der Menschen dem Militär zu dienen. Das ist perfide. Denn ein ausgefüllter Fragebogen, der einen heute davor schützt, die Grundausbildung absolvieren zu müssen, kann morgen schon ein Empfehlungsschreiben für ein Himmelfahrtskommando sein.

    Und gerade weil erst einmal nicht allzu viel auf dem Spiel zu stehen scheint, ist bei dem Fragebogen damit zu rechnen, dass er bereitwillig(er) ausgefüllt wird. Und er hat den Vorteil, dass mit ihm in kürzester Zeit auch die nachträgliche Musterung jener möglich ist, die einer militärischen Erfassung durch die Aussetzung der Wehrpflicht in großen Zahlen entgangen sind und deren nachträgliche Musterung im klassischen Stil eine nicht bewältigbare Aufgabe wäre. Und ganz ähnlich ist das auch mit den Frauen. Selbst wenn (vorerst) kein Zwang besteht, ist es doch sehr viel einfacher, sie zum Ausfüllen eines Fragebogens zu bewegen, als zu einer entwürdigende(re)n Musterung durch das militärische Personal.

    So trägt der Fragebogen auch einem mittlerweile doch beträchtlich gewandelten gesellschaftlichen Rollenverständnis Rechnung, denn wo zivile berufliche Kompetenzen gleichmäßig(er) auf die Geschlechter verteilt sind, Frauen nicht mehr nur vorrangig in einfachen Jobs ohne nötige Fachausbildung angestellt werden, bzw. nicht mehr nur in den klassischen, auch militärisch relevanten Sparten wie (Kranken-) Pflege und Sekretariat, da kann auch das Militär davon profitieren, Frauen nicht bloß zu den hergebrachten Hilfstätigkeiten einzusetzen, sondern sie noch mehr wie auch die Männer gemäß ihrer zivil erworbenen Fähigkeiten zu vernutzen. Das bedeutet freilich nicht, dass sie nicht auch weiterhin entwürdigt, versklaft, zwangsprostituiert und vergewaltigt werden würden. Bloß eben mit dem nötigen Augenmaß.

    Ich denke es ist sehr wichtig, den neuen Fragebogen in diesem Sinne zu verstehen und damit auch die ihm eigene neuartige Bedrohung für unsere Leben zu erkennen, anstatt in ihm erleichtert das mildere Mittel zur Musterung zu erkennen und so leichtfertig sein zukünftiges Todesurteil auszufüllen. Es bedarf daher auch ganz neuer Diskussionen darum, wie man sich diesem Frohndienst für das Vaterland erfolgreich entziehen kann und es gilt angesichts der bedrohlichen Geschwindigkeit der Umsetzung keine Zeit zu verlieren, diese Diskussionen mit unseren Vertrauten zu führen und (neu) auszuloten, wie wir uns diesem staatlichen Zugriff gemeinsam entziehen können.

    Veröffentlicht in Fahnenflucht Nr. 1, 5./6. Mond 2025 Baiern, S. 13-19.

    1. Ich weiß, das Thema ist aufgeladen und auch propagandistisch wird die korrekte historische Bezeichnung solcher Lager als Konzentrationslager als „antisemitisch“ verunglimpft. Es sind aber die gleichen Mechanismen wie die in afrikanischen Kolonien, in Nord- und Südamerika, China, Russland, usw. (einst) eingerichteten Konzentrationslager, von denen sich auch die Nationalsozialisten zu ihren KZs inspirieren ließen und ich sehe keine Veranlassung diesen Mechanismus aus Gründen einer fragwürdigen political correctness, die diesem Genozid das Wort redet, anders zu nennen! ↩︎

  • Fahnenflucht Nr. 1

    5./6. Mond 2025, Baiern, 48 Seiten

    Inhalt

    Zurück zum Frohndienst?
    Was ist Nationalismus?
    Fragebogen-Wehrpflicht
    Wir sind noch immer Gefangene
    Gefangene der Nation
    Die Rückkehr der Donau
    Heimat/-losigkeit

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